IndieWeb, ActivityPub und das langsame Auseinanderfallen der Plattform-Ära
Wie Microformats, Webmention und das Fediverse das Versprechen vom eigenen Adressraum zurückholen.
Wenn in diesen Mai-Wochen 2026 wieder ein Twitter-Klon abgeschaltet werde, ein Discord-Server gekapert oder ein Substack-Account ohne Vorwarnung gesperrt, kehre die Diskussion zuverlässig zu einem Satz zurück, den Tantek Çelik 2010 in einer E-Mail formuliert habe: „Own your data.” Aus dieser knappen Forderung sei eine ganze Bewegung erwachsen — das IndieWeb, dessen erstes IndieWebCamp-Treffen im Juni 2011 in Portland stattfand und seitdem in jährlichem Rhythmus weitergeführt werde. Der Gedanke sei einfach: Die eigene Domain solle der primäre Ort der Veröffentlichung sein, alle Plattform-Profile lediglich Echos davon.
Microformats — Semantik ohne Schema-Inflation
Technisch fuße das IndieWeb auf Microformats. Was 2005 als pragmatische Alternative zu den damals diskutierten Semantic-Web-Standards begonnen habe, sei in der Version Microformats 2 (kurz mf2) seit 2012 verfügbar und stelle eine schlanke Klassen-basierte Auszeichnung bereit. Ein h-card markiere eine Person oder Organisation, ein h-entry einen Beitrag, ein h-feed eine Sammlung. Die Parser-Spezifikation sei bewusst tolerant: Wo Schema.org auf strenge Typhierarchien setze, begnügten sich Microformats mit dem, was vorhanden sei.
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<time class="dt-published" datetime="2026-05-19">19. Mai 2026</time>
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Die Auszeichnung sei so unauffällig, dass sie sich auch in bestehende Themes nachträglich einziehen lasse. Eine Handvoll Klassenattribute genüge, um eine HTML-Seite für IndieWeb-Tools lesbar zu machen.
Webmention — der semantische Trackback
Eine zweite Säule sei Webmention, vom W3C am 12. Januar 2017 als Empfehlung (Recommendation) verabschiedet. Webmention sei in seiner Funktion dem alten Pingback und Trackback verwandt: Wenn Site A auf Site B verlinke, schicke A eine HTTP-Anfrage an Bs Webmention-Endpunkt; B verifiziere den Link und könne ihn anschließend als Kommentar, Like oder Reaktion anzeigen.
Im Unterschied zum 2002 in WordPress eingeführten Pingback sei Webmention spamresistenter konstruiert. Der Empfänger müsse den Quell-Link tatsächlich prüfen und entscheide selbst, ob und in welcher Form die Erwähnung dargestellt werde. Aaron Parecki, einer der treibenden Köpfe hinter der Spezifikation, betreibe mit webmention.io einen Hub-Dienst, der die Implementierung für nicht-technisch versierte Site-Betreiber:innen drastisch vereinfache. Wer bisher kein Kommentarsystem habe, erhalte über drei eingebundene JavaScript-Zeilen eine vollwertige Konversationsschicht.
Indieauth — Login ohne Plattform-Identität
Eine dritte Säule sei Indieauth, eine vom W3C im Mai 2022 als Empfehlung verabschiedete Spezifikation. Indieauth definiere ein OAuth2-basiertes Login-Verfahren, bei dem die eigene Domain als Identität fungiere. Wer sich auf einem IndieWeb-Dienst — etwa einem Wiki, einem Event-Tool oder einem Micropub-Client — anmelden wolle, gebe seine Domain ein; der Dienst leite den Login-Vorgang an den auf der Domain hinterlegten Indieauth-Endpunkt.
Was technisch wie eine schlanke Umschreibung von OAuth wirken könne, sei kulturell ein deutlicher Bruch mit der Plattform-Logik. Wer per Indieauth einlogge, übergebe seine Identität nicht an Facebook, Google oder Twitter. Die Domain selbst sei die Identität; sie könne von der Nutzer:in kontrolliert, migriert oder ersetzt werden, ohne dass die Verknüpfung zu Drittdiensten verloren ginge.
POSSE — publish on your own site, syndicate elsewhere
Über diese Bausteine spanne sich das Prinzip POSSE: Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere. Der primäre Veröffentlichungsort sei die eigene Domain. Was dort erscheine, werde anschließend in geeigneter Form auf Plattformen gespiegelt — als Mastodon-Toot, als Bluesky-Post, als Newsletter-Ausgabe. Antworten, die auf den Plattformen kämen, würden via Webmention oder via Bridge-Diensten wie brid.gy zur Quelle zurückgespielt und dort archiviert.
Der Charme der Konstruktion liege in ihrer Asymmetrie. Plattform-Sperren, Algorithmus-Änderungen, Übernahmen — all das berühre den Datenbestand der eigenen Site nicht. Die Plattform sei ein Verbreitungskanal, nicht das Original. Wer 2022 Twitter verlassen habe, weil Elon Musks Übernahme abgeschlossen worden sei, habe seine Inhalte ohne Bruch auf eine Mastodon-Instanz oder einen anderen Kanal verschieben können — vorausgesetzt, sie hätten von Anfang an auf der eigenen Domain gelegen.
ActivityPub — der Standard hinter dem Fediverse
Der zweite große Strang neben IndieWeb sei ActivityPub. Das W3C verabschiedete den Standard im Januar 2018 als Empfehlung; Christine Lemmer-Webber und Jessica Tallon hätten die Spezifikation maßgeblich geprägt. ActivityPub definiere ein Protokoll, mit dem dezentrale Server Aktivitäten — Posts, Likes, Follows, Boosts — untereinander austauschen könnten, ohne dass eine zentrale Instanz dazwischen geschaltet sei.
Auf ActivityPub fuße das, was heute als Fediverse bezeichnet werde. Mastodon, 2016 von Eugen Rochko in Jena entwickelt und seit 2017 öffentlich verfügbar, sei die bekannteste Implementation. Pixelfed adressiere das Bilder-Publishing, PeerTube das Video-Streaming, Bookwyrm den Buch-Diskurs, WriteFreely das Long-Form-Bloggen. Alle vier Dienste sprächen miteinander, weil sie dasselbe Protokoll teilten. Ein Mastodon-Account könne einem PeerTube-Kanal folgen; ein PeerTube-Kommentar erscheine als Mastodon-Reply.
Die Welle seit 2022
Die Plattform-Müdigkeit der frühen 2020er habe diesem Ökosystem einen Schub verschafft, mit dem niemand gerechnet habe. Nach der Twitter-Übernahme im Oktober 2022 stieg die Zahl der aktiven Mastodon-Konten binnen Wochen von etwa einer halben Million auf knapp 2,5 Millionen monatlich Aktive. Pixelfed und PeerTube verzeichneten vergleichbare Sprünge. Threads, das von Meta im Juli 2023 lancierte Twitter-Alternativangebot, kündigte ActivityPub-Föderation an und schaltete erste Tests im März 2024 frei — ein Schritt, der die Reichweite des Standards faktisch verdoppelt habe.
Im DACH-Raum hätten sich öffentlich-rechtliche Anbieter zurückhaltend, aber sichtbar positioniert. Der NDR betreibe seit 2023 eine eigene Mastodon-Instanz, ebenso das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Das DLF-Magazin „Breitband” und die Berliner Tageszeitung taz unterhielten Konten auf öffentlich zugänglichen Servern. Die Marburger Universitätsbibliothek habe Anfang 2025 eine PeerTube-Instanz für wissenschaftliche Aufzeichnungen aufgesetzt.
WordPress als IndieWeb-Knotenpunkt
Bemerkenswert sei, dass ausgerechnet das Plattform-CMS WordPress sich zu einer der am besten ausgebauten IndieWeb-Brücken entwickelt habe. Matthias Pfefferles ActivityPub-Plugin, ursprünglich 2018 als Hobbyprojekt veröffentlicht und seit 2023 von Automattic offiziell unterstützt, mache aus jedem WordPress-Blog einen Fediverse-Account, dem aus Mastodon, Pixelfed oder anderen ActivityPub-Diensten heraus gefolgt werden könne. Die Beiträge erschienen in den Timelines wie native Toots; Antworten würden als Kommentare im WordPress-Backend gespeichert.
Parallel dazu pflege Pfefferle ein IndieWeb-Plugin-Bundle, das Webmention, Microformats 2 und Micropub bündele. Wer ein WordPress-Blog betreibe, könne mit fünf Klicks einen vollständig IndieWeb-tauglichen Auftritt schaffen — und sei damit besser an die offenen Standards angebunden als die meisten reinen Static-Site-Lösungen.
Die Webfinger-Frage
Eine Brückenkomponente, die zwischen IndieWeb und ActivityPub ein eigenes Eigenleben entwickelt habe, sei Webfinger. Die Spezifikation, im September 2013 als RFC 7033 verabschiedet, definiere ein Verfahren, um zu einer adressartig formatierten Identität (etwa @[email protected]) die zugehörigen Profil- und Schnittstellen-URLs aufzulösen. Mastodon nutze Webfinger seit seinen ersten Versionen; ohne diese Auflösung wäre die domain-übergreifende Follow-Funktionalität nicht implementierbar.
Für Site-Betreiber:innen sei Webfinger eine kleine, aber nicht triviale Implementations-Aufgabe. Wer den eigenen Blog föderieren wolle, müsse einen /.well-known/webfinger-Endpunkt bereitstellen, der JSON in der spezifizierten Form ausliefere. Static-Site-Generatoren bringen diese Funktion nicht ab Werk mit; Pfefferles WordPress-Plugin erledige sie automatisch, für Hugo und Eleventy existierten Community-Templates.
Micropub und das Publizieren über API
Eine dritte, technisch interessante Spezifikation sei Micropub, vom W3C im Mai 2017 als Empfehlung verabschiedet. Micropub definiere ein einfaches HTTP-API, über das Clients neue Beiträge an eine eigene Site senden könnten — vergleichbar mit dem alten XML-RPC, aber zeitgemäß über JSON und OAuth2 authentifiziert.
Was sich daraus ergeben habe, sei eine kleine, aber rege Client-Landschaft: Quill (eine Web-Anwendung von Aaron Parecki), Indigenous (eine mobile App für iOS und Android), Micropublish.net (ein browser-basierter Editor). Wer eine Micropub-fähige Site betreibe, könne von beliebigen Clients aus posten, ohne im Backend des eigenen Generators arbeiten zu müssen. Das löse ein klassisches Problem von Static-Site-Generatoren — die Reibung zwischen „mal eben einen Gedanken festhalten” und „lokale Build-Pipeline anwerfen”.
Im deutschsprachigen Raum habe Sebastian Greger das Projekt aktiv begleitet; sein Blog sebastiangreger.net sei seit 2019 als Referenz-Implementation einer voll-IndieWeb-konformen Static-Site dokumentiert.
Bridgy und die Plattform-Brücken
Eine vierte, im Alltag erstaunlich nützliche Komponente seien die sogenannten Bridge-Dienste. brid.gy, von Ryan Barrett seit 2014 betrieben, übersetze zwischen IndieWeb-Konventionen und Plattform-APIs. Konkret: Wer einen Beitrag auf seiner eigenen Site veröffentliche, lasse ihn via Bridgy nach Mastodon, Bluesky oder Reddit syndizieren; Antworten auf den Plattform-Posts würden als Webmentions an die Originalsite zurückgesendet.
Diese Konstruktion sei das technische Rückgrat des POSSE-Prinzips. Wer Bridgy einrichte — ein Vorgang von etwa zehn Minuten —, gewinne eine Plattform-Spiegelung, die ohne kontinuierliche händische Arbeit auskomme. Barrett finanziere den Dienst über Patreon und Github-Sponsors; er sei im Mai 2026 weiterhin verfügbar und aktiv gepflegt.
Bluesky und das AT-Protokoll — eine parallele Linie
Eine weitere, mit ActivityPub konkurrierende Architektur sei Bluesky und das zugrundeliegende AT-Protokoll (Authenticated Transfer Protocol). Bluesky habe als Twitter-internes Forschungsprojekt 2019 begonnen, sei 2021 in eine eigenständige Public-Benefit-Corporation überführt worden und betreibe seit Februar 2024 ein öffentlich zugängliches Netzwerk. Im Mai 2026 zähle Bluesky nach eigenen Angaben über 30 Millionen registrierte Konten.
Das AT-Protokoll unterscheide sich von ActivityPub in einer technisch wichtigen Hinsicht: Identität und Datenspeicherung seien stärker entkoppelt. Eine Bluesky-Identität (alice.example.org) sei über DID-Verfahren an die Domain gebunden; der eigentliche Datenspeicher (das „Personal Data Server”, PDS) könne unabhängig davon migrieren. Wer von einem PDS-Anbieter zu einem anderen wechsele, behalte Followers und Identität — eine Eigenschaft, die im ActivityPub-Ökosystem nur über umständliche Kontomigrations-Verfahren möglich sei.
Ob Bluesky und ActivityPub langfristig konvergieren würden, sei eine offene Frage. Brücken-Implementationen wie bridgy-fed (von Ryan Barrett gepflegt) erlaubten seit 2024 begrenzten Cross-Posting-Verkehr zwischen den beiden Protokollen. Die strukturellen Unterschiede in der Identitäts-Architektur seien aber so erheblich, dass eine echte Föderation auf Protokoll-Ebene in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sei.
Was die Bewegung nicht löse
Es bleibe ehrlich zu sagen, was IndieWeb und Fediverse nicht leisteten. Sie ersetzten keine Reichweiten-Algorithmen; eine Fediverse-Timeline sei chronologisch und damit für Konsument:innen, die kuratierte Streams gewohnt seien, ungewohnt arbeitsintensiv. Sie ersetzten auch keine Moderation: Jede Instanz müsse selbst entscheiden, mit welchen anderen Instanzen sie föderiere und welche sie blockiere. Die viel diskutierten Defederation-Entscheidungen einzelner Server zeigten, dass Föderation keine Garantie für Friktionsfreiheit sei.
Und dennoch: Die Infrastruktur stehe, sei spezifiziert, sei in laufenden Implementationen erprobt. Wer 2026 ein Blog aufsetze, könne es mit überschaubarem Aufwand so konstruieren, dass es sowohl auf der eigenen Domain wohne als auch in einem global föderierten Netzwerk antwortbar bleibe. Das sei, bei allem Vorbehalt gegenüber der Bequemlichkeit zentraler Dienste, der größere Anspruch. Und er sei näher an der ursprünglichen Idee des Web, als die Plattform-Dekade es vermuten ließ.