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Geschichte · 20 min

Spreeblick, Bildblog, Netzpolitik — eine kurze Geschichte der deutschen Blog-Kultur

Wie aus Privatseiten Institutionen wurden, was vom Web 2.0 geblieben sei und warum die Newsletter-Renaissance kein Bruch sei, sondern eine Fortsetzung.

Wer heute, im Mai 2026, die ältesten noch aktiven deutschsprachigen Blogs zusammenstelle, lande zwingend bei einer überschaubaren Reihe von Namen. Spreeblick. Netzpolitik.org. Bildblog. Krautreporter. Diese vier markierten — bei aller Verschiedenheit ihrer Form — ein dichtes Vierteljahrhundert deutschsprachiger Web-Publizistik. Eine Geschichte, die sich nicht in einer geraden Linie erzählen lasse, sondern in Schichten, Brüchen und überraschenden Kontinuitäten.

Vor dem Anfang: das Vorkommen des Wortes „Weblog”

Den Begriff „Weblog” prägte Jorn Barger im Dezember 1997 in einem Beitrag auf seiner Seite Robot Wisdom. Peter Merholz verkürzte ihn 1999 in der Sidebar seiner Site peterme.com zu „we blog” — daraus entstand „blog” als Verb und Substantiv. Im deutschsprachigen Raum dauerte es bis 2000, ehe erste Sites die Form übernahmen; schockwellenreiter.de von Jörg Kantel und das Tagebuch von Robert Basic gehörten zu den frühesten kontinuierlich gepflegten Adressen.

2002: Spreeblick beginnt

Im Februar 2002 startete Johnny Häusler unter spreeblick.com (heute spreeblick.de) das, was bis heute als eines der prägendsten deutschsprachigen Blogs gelte. Häusler, gelernter Musiker und Werber, schrieb über Musik, Berlin, Pop, Politik, Netzkultur — eine Mischung, die in den frühen 2000ern eine Marktlücke füllte, die das gedruckte Feuilleton ignorierte. Der Ton sei persönlich, manchmal flapsig, manchmal scharf, aber stets erkennbar. Spreeblick wurde 2005 zu einem GbR, später zu einer GmbH, beschäftigte zeitweise sieben Autor:innen und gilt rückblickend als der Brückenkopf zwischen Blog-Hobby und Blog-Beruf.

Häuslers eigene Erinnerung an die ersten Jahre, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 19. März 2017 nachzulesen, sei bezeichnend: Man habe das Schreiben begonnen, weil es das Medium, das man habe lesen wollen, nicht gegeben habe. Aus dieser Motivation sei eine Institution geworden.

2002: Netzpolitik.org als Eigenprojekt

Im selben Jahr — September 2002 — schaltete Markus Beckedahl netzpolitik.org live. Anfangs sei das Projekt ein persönliches Notizbuch eines politisch interessierten Berliner Studenten gewesen. Aus der Beobachtung der frühen Debatten um Vorratsdatenspeicherung, Internet-Sperren und Urheberrechts-Reformen sei innerhalb weniger Jahre eine der wichtigsten netzpolitischen Recherche-Adressen im deutschsprachigen Raum geworden.

Die Schlüsselszene in der Netzpolitik-Geschichte sei der Sommer 2015 gewesen: Im Juli 2015 leitete Generalbundesanwalt Harald Range ein Landesverrats-Ermittlungsverfahren gegen Beckedahl und seinen Mitarbeiter Andre Meister ein, nachdem das Blog interne Dokumente des Bundesamtes für Verfassungsschutz veröffentlicht hatte. Die öffentliche Empörung sei massiv gewesen; Range wurde am 4. August 2015 in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Der Vorgang sei eine Bestätigung dessen gewesen, was Beckedahl seit dem Start vertreten hatte: dass Blogs publizistische Akteure seien, mit Schutzbedürfnis und Verantwortung.

2004: Bildblog und die Watchblog-Bewegung

Im Mai 2004 startete Bildblog — initiiert von Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis als Watchblog für die Berichterstattung der Bild-Zeitung. Die Konstruktion sei in ihrer Konsequenz neu gewesen: Tag für Tag würden konkrete Fehler, Manipulationen oder ethische Grenzüberschreitungen einer bestimmten Publikation dokumentiert, mit Belegen, Screenshots und Antwortanfragen.

Niggemeier, der zuvor als Medienjournalist bei der FAZ gearbeitet hatte, beschrieb das Projekt in einem Spiegel-Interview im Oktober 2005 als „journalistisches Fitnessstudio”. Was als auf ein einziges Boulevard-Medium fokussierter Watchdog begann, weitete sich ab 2009 auf die deutsche Medienlandschaft insgesamt aus und mündete 2011 in das Schwesterprojekt Übermedien, das Niggemeier 2016 als monatliches Abo-Magazin neu startete.

Tim O’Reilly und die Web-2.0-Erzählung

Was diese ersten Jahre rahmte, sei eine Erzählung, deren wirkmächtigster Text im September 2005 erschien: Tim O’Reillys Aufsatz „What Is Web 2.0: Design Patterns and Business Models for the Next Generation of Software”, veröffentlicht auf oreilly.com am 30. September 2005. O’Reilly bündelte darin eine Reihe von Beobachtungen — Wikipedia, Flickr, Blogger, AdSense — zu einer These: Das Web werde von einer Sammlung statischer Dokumente zu einer Plattform partizipativer Software.

Der Aufsatz war keineswegs unstrittig; Tim Berners-Lee selbst kritisierte den Begriff in einem viel zitierten IBM-Podcast vom Juli 2006 als „a piece of jargon, nobody even knows what it means”. Aber wirkmächtig sei die Erzählung gewesen. Sie schuf das semantische Feld, in dem deutschsprachige Blogger:innen ihr Tun verorten konnten. Wer 2006 ein Blog startete, tat dies im Bewusstsein, an einer als kollektiv erlebten Bewegung teilzuhaben.

2014: Krautreporter und der Versuch der Ablösung

Eine zweite Schwellen-Episode sei der Frühsommer 2014 gewesen, als unter Federführung von Sebastian Esser, Philipp Schwörbel und einem Kollektiv prominenter Autor:innen (Tilo Jung, Christian Fahrenbach, Theresa Bäuerlein und anderen) das Krautreporter-Projekt via Crowdfunding startete. Das Ziel sei explizit gewesen: eine werbe- und plattformunabhängige Online-Publikation aufzubauen, finanziert ausschließlich durch Mitgliedschaften.

Innerhalb von fünf Wochen, bis zum 13. Juni 2014, sammelte das Projekt von rund 17.000 Mitgliedern etwa 1,3 Millionen Euro ein und ging am 28. Oktober 2014 online. Die folgenden Jahre seien gemischt gewesen; das ursprüngliche Konzept des langen Form-Journalismus habe sich nicht in der erhofften Reichweite getragen, und die Mitgliederzahlen seien zwischenzeitlich deutlich gesunken. Das Projekt überlebte gleichwohl, restrukturierte sich 2017 zu einer Genossenschaft und gilt heute, im Jahr 2026, als eine der wenigen tragfähigen Mitglieder-finanzierten Publikationen im deutschsprachigen Raum.

Das „Blogsterben” — eine vorsichtige Korrektur

Ab etwa 2010 wurde regelmäßig vom Blogsterben gesprochen. Der Befund stützte sich auf erkennbare Phänomene: Viele Hobby-Blogs der mittleren 2000er hörten auf, Plattformen wie LiveJournal verloren ihre deutsche Nutzerbasis, die Diskussionen wanderten in geschlossene Foren und ab 2009/2010 zunehmend auf Facebook und Twitter.

„Das Blog stirbt nicht — es wird verteilt.”

Diese Formulierung von Sascha Lobo aus seinem Spiegel-Online-Mensch-Maschine-Beitrag vom 22. April 2014 sei rückblickend treffender als die Sterbe-Metaphern. Was tatsächlich passierte, sei eine Verschiebung der Diskussionsorte gewesen; die Blog-Form selbst bleibe als Publikationsform stabil. Spreeblick, Bildblog, Netzpolitik und Dutzende kleinere Spezialblogs publizierten weiter.

Die Newsletter-Renaissance seit 2018

Eine zweite, leiserer Verschiebung setzte ab 2018 ein. Die Substack-Gründung im Sommer 2017 markierte den Beginn dessen, was nun gemeinhin als Newsletter-Renaissance bezeichnet werde. Die Logik sei verwandt mit der Blog-Logik der frühen 2000er — ein:e Autor:in, ein direkter Adressraum, keine Plattform-Vermittlung im Klassifikations-Sinn. Was sich änderte, sei der Distributions-Kanal: E-Mail statt RSS, Push statt Pull.

Im deutschsprachigen Raum führten die Steady-Plattform-Gründung 2018 und die Krautreporter-Newsletter-Initiative Long-Story-Short ab 2020 zu einer eigenständigen Newsletter-Landschaft. Stefan Niggemeier publizierte das Übermedien-Briefing, Mats Schönauer den Topf voll Gold-Newsletter, das Krautreporter-Team eine wachsende Zahl spezialisierter Themen-Newsletter. Der Bruch zur Blog-Ära sei dünn: Viele Newsletter-Schreiber:innen seien dieselben Personen, die in den 2000ern bereits gebloggt hätten.

Die Zwischenrolle der Blog-Aggregatoren

Eine zweite Schicht der deutschsprachigen Blog-Kultur, die rückblickend kaum noch erinnert werde, seien die Aggregatoren der mittleren 2000er gewesen. Rivva, von Frank Westphal im Frühjahr 2007 gestartet, hatte sich zur zentralen Filterinstanz für deutschsprachige Blog-Diskussionen entwickelt. Was auf Rivva gelistet wurde — sortiert nach Verlinkungs-Dichte —, galt für einige Jahre als kanonische Auswahl dessen, was die Bloggerszene gerade beschäftige.

Daneben hatten sich kleinere, fachspezifische Aggregatoren etabliert: deutscheblogcharts.de, blogscout.de, das Wikio-Ranking. All diese Instanzen seien Mitte der 2010er verschwunden oder eingeschlafen; Rivva selbst läuft im Mai 2026 weiter, hat aber den Charakter eines Solitärs angenommen. Was als kollektives Sichtbarkeits-Layer gedacht war, sei in die proprietären Algorithmen der Plattformen abgewandert.

Diese Schicht-Verschiebung erkläre rückblickend, warum das Blogsterben als Phänomen so deutlich empfunden wurde: Nicht die Blogs verschwanden, sondern die Indexierungs-Infrastruktur, die sie sichtbar machte. Wer 2008 ein Spezial-Blog zu Lokalpolitik oder Umweltrecht gestartet habe, sei innerhalb weniger Wochen in den einschlägigen Aggregatoren aufgetaucht. Wer 2018 dasselbe versuchte, fand sich in einer Suchmaschinen-Landschaft wieder, deren Algorithmen kleine, neue Sites systematisch übergingen.

Was die Plattform-Migration kostete

Ein dritter Strang, der erst aus der Distanz erkennbar werde, sei der wirtschaftliche Effekt der Plattform-Migration. Bis etwa 2010 verfügten die meisten ernsthaft betriebenen Blogs über eigenständige Werbe-Verträge, häufig direkt mit Google AdSense oder mit deutschen Vermarktern wie Ströer und IP Deutschland. Die TKP-Preise lagen für gut frequentierte Spezial-Blogs zwischen vier und zwölf Euro — ausreichend, um eine Hobby-Publikation zumindest selbsttragend zu führen.

Die schrittweise Verlagerung der Aufmerksamkeit auf Facebook (ab 2010) und Twitter (ab 2008/2009) habe diese Refinanzierung systematisch unterhöhlt. Wo Leser:innen die Beiträge im Feed konsumierten, ohne die Originalsite zu besuchen, brachen die Werbe-Einnahmen weg. Die im Mai 2018 in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung beschleunigte den Effekt zusätzlich, weil Werbe-IDs einwilligungspflichtig wurden und die TKP-Preise im Display-Markt deutlich nachgaben.

Was als kulturelle Verschiebung beschrieben wurde — „die Diskussionen wandern ab” —, war zugleich eine ökonomische Verschiebung. Wer die deutschsprachige Blog-Geschichte schreibe, müsse beide Bewegungen zusammendenken.

Die Beobachtung von 2026

Wer heute eine Inventur deutscher Web-Publizistik aufstelle, finde eine Konstellation, die sich mit den Mustern der späten 2000er produktiv vergleichen lasse. Es gebe eine kleine, stabile Spitze etablierter Marken (Netzpolitik, Übermedien, Krautreporter, der ZDF-Magazin-Ableger MAITHINK X in Newsletter-Form seit 2024). Es gebe eine mittelgroße Schicht spezialisierter Mitglieder-finanzierter Projekte. Und es gebe einen langen Schwanz persönlicher Blogs und Newsletter, deren wirtschaftliche Grundlage knapp, deren publizistische Eigenständigkeit aber unbestreitbar sei.

Was sich gegenüber 2005 verschoben habe, sei die Selbstverständlichkeit, mit der Schreiber:innen über die ökonomische Grundlage ihres Tuns sprächen. Was 2005 als Hobby und Hoffnung firmierte, sei zwanzig Jahre später ein professionalisiertes Feld geworden, in dem unterschiedlichste Finanzierungsmodelle parallel existierten. Was nicht verloren gegangen sei: die Grundfigur der direkten Adressierung. Eine Schreiber:in, eine Domain, eine Leserschaft. Die Plattformen zwischendrin änderten sich; das Grundmuster habe sich als bemerkenswert robust erwiesen.

Wer im Mai 2026 ein Blog starte, schreibe in einer langen, fragmentierten, aber durchaus dichten Tradition. Die Werkzeuge seien andere als 2002. Die Form, das Versprechen und der Adressaten-Bezug seien überraschend dieselben geblieben.


Ressort: Geschichte